Wie die Jahre vergehen (3): Meinerzhagen – Das Comeback

Dem Verfall preisgegeben: Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Dem Verfall preisgegeben: Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Es war ein Ende, an dem die Bevölkerung im märkischen Meinerzhagen regen Anteil nahm. Zum letzten drängelten sich die Menschen auf dem Bahnsteig, um Abschied zu nehmen. Es war der 31. Mai 1986, an dem scheinbar zum letzten Mal ein Zug den Meinerzhagener Bahnhof in Richtung Gummersbach verließ. Es war das traurige Ende einer über 100-jährigen Ära, als auf der Volmetalbahn zwischen Hagen und Köln über Dieringhausen durchgängige Züge fuhren.

Mausetotes Meinerzhagen

Die letzte Fahrt - Meinerzhagen im Jahre 1986 (Foto: Meinerzhagener Zeitung)

Die letzte Fahrt – Meinerzhagen im Jahre 1986.(Foto: Meinerzhagener Zeitung)

Der Verwaltungsrat der Bundesbahn hatte im Jahre 1984 beschlossen, den Zugverkehr zwischen Marienheide und Brügge stillzulegen. Grund war der angeblich schwach frequentierte Zugverkehr auf diesem Abschnitt. Ein Jahr nachdem dem der vorläufig letzte Zug abgedampft war, wurde auch das Bahnhofsgebäude abgerissen. Der Bahnhof Meinerzhagen verrottete in den nächsten Jahren zu einem typischen Relikt todgeweihter Bahntrassen. Auch ich konnte mich im Sommer 2012 von dem verfallenen Zustand des Bahnhofs, von dem immer noch die Güterzugstrecke nach Krummenerl abzweigt, für die Recherche zu meinem Buch Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land ein Bild machen:. von Gras überwucherte Gleise, verfallene Wartehäuschen und zugemauerte Bahnsteigtreppenüberdachungen, unter denen sich höchstens noch die Dorfjugend traf, um gemeinsam eine Pizza zu verputzen; Meinerzhagen schien in Sachen Bahnverkehr mausetot zu sein.

Scheintote Trasse hatte „Schwein“

Hier wartet keiner mehr: Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Hier wartet keiner mehr: Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Doch die scheintote Trasse hatte „Schwein“, denn für den Militärpakt Nato war der Schienenstrang strategisch bedeutsam. Somit blieb dem Abschnitt Brügge – Marienheide eine Demontage erspart – im Gegensatz zu der ebenfalls in Marienheide einst abzweigenden „Wippertalbahn“ nach Wipperfürth. Dennoch verfiel die Volmetalbahn in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie überraschenderweise wieder geweckt wurde. Nicht durch einen schmucken Prinzen, der sich durchs Dornendickicht kämpfte, sondern durch das Land Nordrhein-Westfalen (NRW), dass sich gegen Bahngegner behaupten musste.

Die Aggertalbahn von Köln nach Gummersbach hatte sich nämlich inzwischen durch die vielen Pendler wieder fest im Eisenbahnnetz etabliert. Das Land NRW stufte im Sommer 1998 in seinen Bedarfsplan des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) deshalb den Lückenschluss zwischen Brügge und Gummersbach als vordringlich ein. Sogar Geldmittel waren wieder im Haushalt vorgesehen. Zunächst wurde der Abschnitt von Gummersbach bis Marienheide saniert, auf dem wieder ab April 2003 die Talent-Triebwagen fuhren. Das Oberbergische Land erlebte damit eine Premiere: Erstmals war in der Region ein Stück stillgelegtes Gleis wieder offiziell reaktiviert worden.

Gegen alle Widerstände

 

Hier fährt kein mehr (links die Trasse nach Krummenerl): Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Hier fährt kein Zug mehr (links die Trasse nach Krummenerl): Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Der Verband „Regionalnetz Bergisches-Märkisches Land“ verkündete im August 2003, auch auf der Bahnstrecke Marienheide – Brügge wieder Züge fahren zu lassen. Allerdings war damals schon klar, dass dafür ein erheblicher baulicher Aufwand nötig war. Und auch Durchsetzungsvermögen, um den Widerstand der Bahngegner zu überwinden. Es war in diesem Fall die Industrie- und Handelskammer Oberberg und der damalige NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke, die sich gegen eine Reaktivierung der Volmetalbahn aussprachen. Der Rat der Gemeinde Marienheide verabschiedete daraufhin im Juli 2005 eine Resolution, in der die Reaktivierung der Bahnlinie von Marienheide nach Brügge gefordert wurde. Am Ende siegten die Bahnbefürworter. Das Land Nordrhein-Westfalen bewilligte im Sommer 2008 für die Reaktivierung der Strecke von Marienheide nach Meinerzhagen finanzielle Mittel. Seit dem 27. Februar 2014 fahren nach der aufwendigen Instandsetzung wieder die Züge der Regionalbahnlinie RB 25 von Köln-Hansaring bis Meinerzhagen. Zudem soll der vollständige Lückenschluss durch das Volmetal bis Brügge zum Dezember 2017 fertig gestellt sein.

Betont nüchtern gestaltet

Hurra, die Eisenbahn ist wieder da!: Meinerzhagen im Jahre 2012. (Foto: BFH)

Hurra, die Eisenbahn ist wieder da! – Meinerzhagen im Jahre 2015. (Foto: BFH)

Dreieinhalb Jahre später kehrte ich zur Veröffentlichung meines neuen Buches Die Bergisch-Märkische Eisenbahn. Durch die Täler von Wupper, Ruhr und Volme bei einer Fahrt mit der RB 25 nach Meinerzhagen zurück, um mir wieder selbst ein Bild vom wiederbelebten Bahnhof zu machen. Natürlich darf der Fahrgast nicht mehr die einstige Bahnhofsherrlichkeit preußischer Tradition erwarten. Vielmehr ist Meinerzhagen erwartungsgemäß einer der typisch, betont nüchtern gestalteten Haltepunkte, mit dem die Bahn AG ihre oft maroden Stationen wieder aufpeppt. Die Fahrgäste müssen sich immer noch mit einem engen Holzbahnsteig begnügen, der natürlich null behindertengerecht ist. Am ehesten ist der neue Haltepunkt Meinerzhagen optisch wegen der überdimensionierten Brücke über den schon fertig gestellten, aber noch abgesperrten Mittelbahnsteig  mit dem Bahnhof Overath vergleichbar – nur ein Empfangsgebäude fehlt. Immerhin gibt es auch einen angrenzenden Park- und Ride-Parkplatz, denn der mitten in einem Industrie- und Gewerbegebiet liegende Bahnhof befindet sich abseits des eigentlichen Stadtkerns.

Nicht das Ende der fahrenden Fahnenstange

Ab Meinerzhagen soll es 2017 auch wieder nach Brügge gehen. (Foto: BFH)

Ab Meinerzhagen soll es 2017 auch wieder Richtung Brügge gehen. (Foto: BFH)

Und Meinerzhagen soll nicht das Ende der fahrenden Fahnenstange sein. Von hier soll es ab 2017 sogar wieder nach Brügge gehen, wo einst die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft im Jahre 1871 die Volmetalbahn von ihrem Bahnhof Hagen aus bis Brügge vollendete. Dann werden durchgehende Züge von Köln über Brügge bis Dortmund für den Eisenbahnfreund wieder wunderbare Wirklichkeit.

Literatur:

Bernd Franco Hoffmann: Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land. Sutton-Verlag, Erfurt 2013, ISBN 978-3-95400-147-7.

Bernd Franco Hoffmann: Die Bergisch-Märkische Eisenbahn. Durch die Täler von Wupper, Ruhr und Volme; Sutton-Verlag, Erfurt, 2015, ISBN 978-3-95400-580-2

Wie die Jahre vergehen (2): Der Bau der Gebirgsstrecke Gruiten – Deutz und ihre Zweigbahnen

Wie die Jahre vergehen (1): Rückkehr auf die “Balkantrasse”

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2 Gedanken zu „Wie die Jahre vergehen (3): Meinerzhagen – Das Comeback

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