Wie die Jahre vergehen (2): Der Bau der Gebirgsstrecke Gruiten – Deutz und ihre Zweigbahnen

Da hilft auch kein Trassendoc mehr: Einige Nebenbahnen der Strecke Deutz – Gruiten sind längst stillgelegt. (Foto: BFH)

„Es lebe der Beton!“ – so denken offenbar viele Architekten, die ihre Entwürfe gerne mit diesem Baustoff umhüllen. Wie auch bei der Neugestaltung des Deutzer Bahnhofs: Die einstige Fauna wurde durch ein wenig Straßenbegleitgrün ersetzt, die nur botanische Nadelstiche sind auf grauem Asphalt, der am Wochenende vom Partyvolk gerne genutzt und entsprechend zugemüllt wird. Die Zeiten sind eben vorbei, als ein Bahnhof vor dem Empfangsgebäude den Fahrgast noch mit einer repräsentativen Grünanlage wirklich „empfing“. Es waren die Zeiten als die privaten Eisenbahnbaugesellschaften das Eisenbahnfieber anheizten – wie die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft (BME).

Erlösung von der Endstation

Schön ist anders: Der neu gestaltete Deutzer Bahnhof. (Foto: BFH)

Schön ist anders: Der neu gestaltete Deutzer Bahnhof. (Foto: BFH)

Für die BME war der Bahnhof Deutz einst eine Erlösung. Bis zum Jahre 1872 war die Gesellschaft auf den Konkurrenten Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft (KME) angewiesen. Die KME hatte nämlich einen Bahnhof im damals noch selbstständigen Mülheim am Wiener Platz gleich neben dem BME-Bahnhof. Während die Reisenden der KME mit den Zügen bis zum damaligen Kölner Centralbahnhof weiterfahren konnten, war für die BME-Kunden in Mülheim Endstation; dort ging es nach Köln nur per pedes oder mit der Pferdedroschke. Die KME stellte nur auf staatlichen Druck entsprechende Anschlusszüge bereit. Dennoch blieben für die Reisenden, wie der BME-Aufsichtsratvorsitzende Daniel von der Heydt beklagte, weiterhin „abnorme Zustände“. Nur der Weiterbau einer eigenen Linie nach Deutz konnte Abhilfe schaffen. 1882 entstand in Deutz der imposante BME-Bahnhof Schiffbrücke, der aber im Jahre 1914 dem heutigen Bahnhof Köln Messe/Deutz weichen musste. Die Strecke die vom heutigen Haaner Stadtteil Gruiten über Deutz mittlerweile bis nach Remagen führt ist eine der interessantesten BME-Linien: Von hier bogen einst und biegen heute noch gleich mehrere Zweigbahnen ab, die für die weitere Eisenbahnentwicklung zwischen Rhein, Wupper und Ruhr bedeutend waren.

Rascher nach Remscheid

Solingen-Hbf

Von Solingen Hbf geht es auch heute noch über die Müngstener Brücke in Richtung Wuppertal. (Foto: BFH)

Die so genannte „Gebirgsstrecke“ von Haan bis nach Deutz bei Köln, gehörte zur BME-Strategie, sich immer weiter neue Gebiete zu erschließen. Mit der Linie von Haan ins damals noch selbständige Deutz schuf die BME eine direkte Verbindung von Elberfeld nach Köln. Der erste Abschnitt von Haan bis nach Opladen konnte am 25. September 1867 für den Personen- und Güterverkehr eröffnet werden. Zeitgleich eröffnete das Unternehmen an der Station Ohligs, die ab 1913 zum Hauptbahnhof wurde, eine Stichstrecke nach Solingen. Diese Linie baute die Preußische Staatsbahn dann im Jahre 1897 bis nach Remscheid weiter, wobei auch die berühmte Müngstener Brücke entstand.

Legenden entstehen

In Köln-Mülheim biegt heute die S-Bahn nach Bergisch Gladbach ab. (Foto: BFH)

In Köln-Mülheim biegt heute die S-Bahn nach Bergisch Gladbach ab. (Foto: BFH)

In Richtung Mülheim bogen dann die Züge ab dem 1. Dezember 1868 auch nach Bergisch Gladbach ab. Auch diese zunächst nur zehn Kilometer lange Trasse war das Startsignal zu weiteren Bahnbautätigkeiten. Über Bensberg, Rösrath und Immekeppel konnten Güter und Personen ab 1912 bis nach Lindlar transportiert werden. Das war die Geburtsstunde der legendären „Sülztalbahn“, die der Autor Bernd Franco Hoffmann in dem Buch Die Sülztalbahn ─ Geschichte und Geschichten der Strecke Köln – Bergisch Gladbach – Rösrath – Untereschbach – Immekeppel – Lindlar ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Mit der Bahn durch den „Balkan“

Eine Trasse für die Tücher: Der Bahnhof Hückeswagen (Aus dem Buch "Die Bergische Märkische Eisenbahn/Repro: BFH)

Eine Trasse für die Tücher: Der Bahnhof Hückeswagen (Aus dem Buch „Die Bergische Märkische Eisenbahn“/Repro: BFH)

Spätestens mit der Fertigstellung der Nebenbahn von Rittershausen nach Remscheid im September 1868, die von der Bergisch-Märkischen Stammstrecke Elberfeld – Dortmund abzweigte, wollten auch die bergischen Städte Hückeswagen, Wipperfürth und Wermelskirchen einen Eisenbahnanschluss. Während die Städte Hückeswagen und Wipperfürth die Tuchindustrie als gewichtiges Argument anführten, drohte in den Städten Burscheid und Wermelskirchen ohne die Eisenbahn der wirtschaftliche Verfall. So rollten vom Bahnhof Lennep aus ab dem 12. Mai 1876 die Züge nach Wermelskirchen und nach Hückeswagen. Damit hatte die BME mit einem Schlag zwei Nebenbahnen geschaffen, die unter dem Namen „Wippertalbahn“ und „Balkanexpress“ im Bergischen Land Legendenstatus erreichten. Beide Bahnen wurden ebenfalls ausgebaut: Die Linie nach Wemelskirchen war am am 15. Oktober 1881 in Opladen an die Hauptstrecke Deutz – Gruiten angeschlossen, während die Wippertalbahn über Wipperfürth ab 1902 sogar bis nach Marienheide führte, wo unter anderem die Züge der Volmetalbahn ins westfälische Hagen schnauften.

 

Den Schienenschatz verhökert

Häufiges Schicksal: Viel befahrene Trasse verwandeln sich in Radwege wie hier am Bahnhof Lennep die Trassen nahc Wipperfürth und Wermelskirchen. (Foto: BFH)

Häufiges Schicksal: Viel befahrene Trasse verwandeln sich in Radwege wie hier am Bahnhof Lennep die Trassen nach Wipperfürth und Wermelskirchen. (Foto: BFH)

Die bergische Bevölkerung und Industrie verfügten also aber ein gut geknüpftes Streckennetz, schafften es aber nicht, auch bedingt durch das Desinteresse von Bundesbahn und Bahn AG, sich diesen Schienenschatz zu bewahren.Auf der Wippertalbahn rollten 1995 die letzten Güterzüge, während der Balkanexpress schon ein Jahr vorher stillstand. Bereits im Jahre 1966 war die Ära der Sülztalbahn nur noch ein Fall für die Geschichtsbücher. Der Lokführer Dirk Wilkesmann berichtete für das Buch Die Sülztalbahn ─ Geschichte und Geschichten der Strecke Köln – Bergisch Gladbach – Rösrath – Untereschbach – Immekeppel – Lindlar, dass er zumindest noch bis Mai 1989 Möbel und Kunstdünger aus dem Gewerbegebiet Zinkhütte in bis zum Bensberger Bahnhof brachte.

Mit Büchern gegen das Vergessen

Diese Eisenbahnära ist wohl unwiderruflich zu Ende. Auf der Balkan-, Wippertal- und Sülztalbahn entstanden Radwege. Aus der immer noch gut erhaltenen Trasse von Bergisch Gladbach nach Bensberg soll nach den Willen einiger Politiker und Industriellen schon seit Jahren ein Autobahnzubringer werden, passiert ist aber bisher nichts. Abseits der stillgelegten und demontierten Trassen erfreut sich die klassische BME-Strecke Gruiten – Deutz mit den Regionalzügen des Rhein-Wupper-Bahn von Wuppertal bis Remagen großer Beliebtheit ebenso wie die Strecke von Solingen nach Wuppertal und von Köln-Mülheim nach Bergisch Gladbach. Und auch der Buchautor Bernd Franco Hoffmann sorgt mit seinen Büchern, dass die Strecken nicht vergessen werden. Aktuelle ist sein Buch Die Bergisch-Märkische Eisenbahn. Durch die Täler von Wupper, Ruhr und Volme erscheinen, das die Geschichte der BME von ihren Anfängen im Jahre 1843 bis zur Auflösung ab dem Jahre 1882 berichtet. Der Leser reist chronologisch durch den Bau der Strecken von der Verbindung Elberfeld -Dortmund bis zur Balkan-Bahn.

Ein Trailer fürs TV

Stillgelegte Bahnstrecken-TV proudly presents: Der Bahnhof Pattscheid in seiner ganzen Pracht. (Foto: BFH)

Stillgelegte Bahnstrecken-TV proudly presents: Der Bahnhof Pattscheid in seiner ganzen Pracht. (Foto: BFH)

Auf der Balkan-Bahn war Bernd Franco Hoffmann aber auf anderen Wegen aktiv. Hier entstand der erste Teil der „Wie die Jahre vergehen„-Reihe und mit der Regisseurin, Cutterin und Sprecherin Christiane Dors ein Trailer für das im Jahre 2014 erschienene Buch Stillgelegte Bahnstrecken im Rheinland, der bei „Stillgelegte Bahnstrecken-TV“ auf You-Tube zu sehen ist. Und bei der von Bernd Franco Hoffman an organisierten „Stillgelegt On Tour Teil 7“ zur ehemaligen Wuppertaler Nordbahn konnten sich die zahlreichen Teilnehmer von den stillgelegten Schönheiten der Strecke Gruiten- Deutz überzeugen.

Literatur:

Bernd Franco Hoffmann: “Die Bergisch-Märkische Eisenbahn. Durch die Täler von Wupper, Ruhr und Volme“; Sutton-Verlag, Erfurt, 2015, ISBN 978-3954005802
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Bernd Franco Hoffmann: Was auf den Gleisen liegen blieb: Wie die Bücher „Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land“ und „Stillgelegte Bahnstrecken im Rheinland“ entstanden – eine Fotoreise; GD Publishing (10. März 2015), E-Book.
(Bestellen bei Amzon.de)
Bernd Franco Hoffmann: “Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land.“ Sutton-Verlag, Erfurt April 2013, ISBN 978-3-95400-147-7.
(Bestellen bei Amzon.de)
Bernd Franco Hoffmann: Die Sülztalbahn. Geschichte und Geschichten der Strecke Köln-Bergisch Gladbach-Rösrath-Untereschbach-Immekeppel-Lindlar. 2012, (Schriftenreihe des Geschichtsvereins Rösrath e.V. Bd. 42), ISBN 978-3-922413-65-3


Wie die Jahre vergehen (1): Rückkehr auf die “Balkantrasse”

Wie die Jahre vergehen (3): Meinerzhagen – Das Comeback
 

Impressionen aus dem om November 2015 erschienenen Buch „Die Bergisch-Märkische Eisenbahn. Durch die Täler von Wupper, Ruhr und Volme“ von Bernd Franco Hoffmann:

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2 Gedanken zu „Wie die Jahre vergehen (2): Der Bau der Gebirgsstrecke Gruiten – Deutz und ihre Zweigbahnen

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